© Stadt Wien / Wiener Stadtklimaanalyse

Wenn die Stadt zum Schwamm wird

Text: Ylvie Viramo

Wenn die Stadt zum Schwamm wird

Diese Ausgabe schreibe ich anlässlich des Wetters: Der März fühlt sich plötzlich ein bisschen nach Sommer an. Am Yppenplatz sind die Cafés schon wieder komplett überfüllt. Menschen sitzen draußen an den Tischen, spielen Karten und halten ihren kalten Spritzer in der Hand. Sogar kurzärmlig war ich schon unterwegs. Meine Mittagspausen verbringe ich mittlerweile  im Burggarten, auf der Suche nach einem sonnigen Platz.

Aber ich weiß ganz genau: In ein paar Monaten werd ich mich nicht mehr so freuen. Dann wird Wien wieder heiß. Richtig heiß. Der Beton glüht, die U-Bahn-Sitze kleben an den Oberschenkeln, und jeder Weg durch die Stadt fühlt sich an wie durch einen Backofen. Dabei gilt Wien als eine der aktivsten Städte im deutschsprachigen Raum, wenn es um die Umsetzung des Schwammstadtprinzips geht.

Was ist eine Schwammstadt?

Die Idee klingt simpel: Städte sollen Regenwasser aufnehmen, speichern und wieder abgeben können – wie ein Schwamm.

Denn in dicht verbauten Städten entstehen sogenannte Hitzeinseln, die sich tagsüber stark aufheizen und nachts kaum abkühlen. Gleichzeitig ist die Kanalisation vieler Städte nicht auf die immer häufiger werdenden Starkregenfälle vorbereitet. Die Schwammstadt soll beides lösen: Durchlässige Böden, unterirdische Wasserspeicher und begrünte Flächen sorgen dafür, dass Wasser länger in der Stadt bleibt. Pflanzen und Bäume können darauf zugreifen, wenn Trockenperioden einsetzen, und bei Starkregen wird verhindert, dass große Wassermengen auf einmal über Straßen und Plätze abfließen.

Warum solche Konzepte immer wichtiger werden, hat mit den zunehmenden Wetterextremen zu tun. Längere Trockenphasen wechseln sich immer öfter mit heftigem Starkregen ab. „Die Stadt muss einen Ausgleich schaffen“, sagt Carina Kickmaier, die gerade ihren Studiumsabschluss als Raumplanerin feiern durfte. Regenwasser dürfe nicht einfach verschwinden. Es müsse gespeichert werden, damit Grünflächen und Bäume auch in trockenen Zeiten davon profitieren können.

Wir sehen hier die Hochhäuser und den Schienenbereich im Gebiet Hauptbahnhof, Arsenal, Wienerberg. Wenn du auf das Bild klickst, kommst du zur Interaktiven Karte der Stadt Wien. © Stadt Wien / Wiener Stadtklimaanalyse
Schiebt man den Regler dieser Karte nach links, so wird schnell sichtbar, wo die Überwärmung der Stadt passiert. © Stadt Wien / Wiener Stadtklimaanalyse

Auch in Wien hält das Prinzip der Schwammstadt langsam Einzug in die Stadtplanung. Vor allem bei neuen Stadtentwicklungsgebieten wird versucht, solche Maßnahmen stärker mitzudenken. Aber auch bestehende Straßen und Orte werden Schritt für Schritt umgebaut: der Johann-Nepomuk-Vogl-Platz war das erste Schwammstadt-Projekt in Wien: Der Boden ist so aufgebaut, dass er genug Feuchtigkeit und Nährstoffe speichert und die Bäume kontinuierlich damit versorgt. Dazu wurde der Untergrund mit grobkörnigem, porösem Steinmaterial (ähnlich Gleisschotter) und feinerem, wasserspeicherndem Substrat aufgefüllt. Trotzdem bleibt in vielen Teilen der Stadt noch viel zu tun. Vor allem dicht verbaute Bezirke mit viel Asphalt und wenig Grün verwandeln sich im Sommer schnell in Hitzeinseln. Teile des 15. Bezirks gelten als klassisches Beispiel: viel Beton, wenig Schatten, so Kickmaier.

Schwammstadt Johann-Nepomuk-Vogl-Markt © Karl Grimm, Müller-Schinwald

Dabei spielen Bäume eine Schlüsselrolle. Sie spenden Schatten, kühlen die Umgebung und verbessern die Luftqualität. „Wer an einem heißen Tag von der Sonnenseite einer Straße in den Schatten einer Baumreihe tritt, merkt sofort, wie stark sich das Mikroklima verändern kann“, sagt Kickmaier. Normalerweise haben Stadtbäume unter Gehwegen wenig Platz zum Wachsen. Beim Schwammstadtprinzip wird deshalb unter befestigten Flächen ein spezieller Unterbau geschaffen: Ein Gerüst aus grobem Splitt trägt die Verkehrslasten, die Hohlräume dazwischen werden mit einem Substrat gefüllt, das Wasser und Nährstoffe speichert. So entsteht unter der Oberfläche ein durchwurzelbares Porensystem: idealerweise mit mindestens 35 Kubikmetern Wurzelraum pro Baum. Je mehr Platz die Wurzeln haben, desto langlebiger und widerstandsfähiger werden die Bäume.

Geht das langfristig?

Die Umgestaltung bestehender Städte ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine politische. Mehr Grünflächen und durchlässige Böden bedeuten oft weniger Platz für Parkplätze oder Autospuren. „Viele Menschen stehen großen Veränderungen prinzipiell zunächst skeptisch gegenüber“, sagt Kickmaier. Wenn sie aber einmal umgesetzt sind, würden sie meist positiv wahrgenommen.

Langfristig könnte genau darin eine große Chance liegen. Weniger Raum für Autos würde Platz für Bäume, Grünflächen und wasserdurchlässige Böden schaffen. Und damit für eine Stadt, die besser mit Hitze und Starkregen umgehen kann. „Wenn ich mir ein utopisch perfektes Wien vorstellen könnte, stünde statt jedem Parkplatz ein Baum.“