Drag als Perspektivwechsel: Im Gespräch mit Ryta Tale

Im Gespräch mit Ryta Tale über Drag als Kunstform, gesellschaftliche Rollen und die Kraft des Perspektivwechsels.

Ausgabe #62

Im Gespräch mit Ryta Tale über Drag als Kunstform, gesellschaftliche Rollen und die Frage, warum ein Perspektivwechsel oft wichtiger ist als eine fertige Antwort.

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Ryta Tale über Drag, Verwandlung und Neugier
  • Die Pride Edition der „Fledermaus“ an der Volksoper
  • Geschlechterrollen, Sicherheit und gesellschaftliche Ungleichheit
  • Wien als pompöse, grantige und leicht betrunkene Tante
Im Gespräch mit Michael alias Ryta Tale im CAY am Yppenplatz.

 

Wie erklärt man jemandem Drag, der damit bislang keine Berührungspunkte hatte? „Ich versuche die Leute an der Hand zu nehmen“, sagt Ryta Tale. „Ich sage: Schau, it’s just a costume.“

Dabei gehe es nicht darum, Menschen zu belehren, sondern Neugier zuzulassen.

„Der Blick hinter die Kulissen interessiert viele. Dass diese Hüften nicht echt sind. Dass die Verwandlung Stunden dauert. Dass hinter der Kunstfigur ein Mensch steht.“

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft von Drag: Menschen einzuladen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Ich treffe Michael Postmann vergangene Woche am Tag der Premiere der Fledermaus Pride Edition in der Volksoper. An der Seite von Tom Neuwirth spielt er die Rolle der Ida. Allerdings nicht einfach als Ida, sondern als Ryta Tale, seine Drag-Persona.

Ryta Tale in der Rolle der Ida. Volksoper Wien. Photo: Barbara Pálffy

 

Die Ebenen beginnen zu verschwimmen. Da ist Michael, Musicaldarsteller. Da ist Ryta, die Kunstfigur. Und da ist Ida, die in dieser Inszenierung wiederum eine Dragqueen ist. „Die Ebenen sind unzählig“, sagt Michael. „Wo bin ich da als Privatmensch, wo als Künstlerin, wo als Dragperson und wo ist es einfach die Rolle, die ich gerade spiele?“

Vielleicht ist genau das die große Stärke von Drag und Theater: Sie machen sichtbar, dass wir alle immer wieder unterschiedliche Rollen einnehmen: die Kollegin im Büro. Der Sohn beim Familienessen. Die beste Freundin. Der Grantler in der U-Bahn. Nur selten wechseln wir sie so offensichtlich wie Ryta Tale – mit High Heels, Perücke und glitzerndem Kostüm.

Was bedeutet es eigentlich, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen? Frage ich weiter. Schließlich wird Drag als Kunstform unterschiedlich und durchaus kontrovers diskutiert. Ist Drag eine Persiflage auf Weiblichkeit? Eine überzeichnete Kunstform? Oder vielleicht sogar etwas ganz anderes?

Ryta Tale kennt diese Fragen. Schließlich wird Drag immer wieder kritisch diskutiert – gerade dann, wenn mit hohen Absätzen, viel Make-up und opulenten Kostümen gearbeitet wird. Bilder also, gegen die viele Frauen ihr Leben lang angekämpft haben.

Für Ryta liegt die Antwort woanders.

„Für mich ist es die ultimative Liebeserklärung und Hommage an alle tollen, unfassbar starken Frauen in meinem Leben“, sagt sie. „Egal, ob es meine Mutter ist oder Popikonen, zu denen ich aufgeschaut habe – ich hole mir dort meine Inspiration und versuche, etwas von dem zurückzugeben, was sie mir gegeben haben.“

Photo: Vlad Dobre

 

Rytas Blick auf Frauen und Männer habe sich durch Drag verändert, erzählt sie. Oder vielleicht geschärft.

„Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Frauen nachts nicht in Ruhe heimgehen können, ohne Angst haben zu müssen“, sagt sie. Auch die Debatten rund um den Gender Pay Gap könne sie seitdem noch weniger nachvollziehen.

Was als Kunstform beginnt, wird so zu einem Perspektivwechsel. Wer sich intensiv mit Männlichkeit und Weiblichkeit auseinandersetzt – sei es auf der Bühne oder im Alltag –, beginnt auch die gesellschaftlichen Erwartungen und Ungleichheiten dahinter bewusster wahrzunehmen.

Vielleicht liegt genau darin eine der spannenderen Seiten von Drag: Nicht darin, Antworten zu liefern, sondern neue Fragen zu stellen.

Dass Ryta heute von ihrer Kunst leben kann, hätte sie sich vor einigen Jahren wohl selbst nicht vorstellen können. Gerade im Pride-Monat reiht sich ein Termin an den nächsten.

Auf der Pride 2026. Photo: Wiener Flâneur

 

So ein Pride-Samstag von Ryta Tale beginnt früh:

Vom Drag Brunch im Hard Rock Café stieg sie heuer auf einen der 52 Trucks der Vienna Pride, wo sie bereits seit mehreren Jahren als DJ auflegt und die Regenbogenparade über den Ring begleitet. Nach dem Abschminken stand sie als Musicaldarsteller in der „West Side Story“ an der Volksoper auf der Bühne. Danach ging es wieder nach Hause, erneut ins Make-up – und zur Official Pride Night in der Ottakringer Brauerei, wo sie mitten in der Nacht noch einmal performte. Apropos Brauerei!

Erst gegen ein Uhr morgens endet ein Tag, der zeigt, wie viel Disziplin, Kreativität und Hingabe hinter einer Kunstform stecken, die von außen oft nur als schrill oder extravagant wahrgenommen wird.

Und trotzdem freut sich Ryta schon ein bisschen auf die ruhigeren Sommermonate.

Wobei „ruhig“ bei ihr wahrscheinlich nur bedeutet, dass wieder neue Ideen ausgebrütet werden: neue Podcast-Folgen, neue Songs, regelmäßige Karaoke-Abende oder das nächste Bühnenprojekt.

Bevor wir auseinandergehen, stelle ich Ryta noch eine letzte Frage:

Wenn Wien eine Dragqueen wäre, wie würde sie aussehen?

„Na ja schon“, sagt sie. „So ein bisschen Reifrock. Pompös und opulent. Und ein bisschen grantig.“

Dann überlegt sie kurz und lacht.

„Sie muss schon so ein bisschen anti sein, finde ich.“

Und dann kommt dieses Bild, das vermutlich jede Wienerin und jeder Wiener sofort versteht:

„Kennst du diese Tanten, die einen immer so überherzlich in den Arm nehmen? Sie ist auch leicht betrunken.“

Ein leichter Damenspitz, vermuten wir und sind uns einig: „Wien ist diese leicht betrunkene Tante, die so ein bisschen unangenehm auf der Familienfeier ist, aber eigentlich doch herzlich. Eigentlich das Herz am rechten Fleck hat. Man muss sie einfach nur gern haben.“

Wenn Ryta selbst ein Wiener Bezirk wäre?

„Ich glaube, es muss der Sechste oder Siebte sein“, sagt sie. „Ich finde, dort passiert’s. Dort bewegt sich so viel. Das ist ein Kommen und Gehen. Es ist irgendwie Locals meet Tourists. Es ist laut. Und so ist auch Drag, finde ich. So muss Drag sein.“