Ausgabe #55

Eine Reise durch Wiens unabhängige Medienlandschaft – von immersiven Reportagen und Podcasts bis zu hyperlokalen Bezirkszeitungen.

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Wie der Wiener Flâneur Lokaljournalismus neu erzählen möchte
  • Inselmilieu, sisigrant und Kurious Magazine
  • Business WTF und journalistische Newsletter
  • DER ACHTE und Zwischenbrücken als hyperlokale Wiener Medien

Ich habe die Seiten gewechselt.

Reise durch die Wiener Indie-Medienwelt

 

Fünf Jahre lang habe ich das Media Innovation Lab der Wiener Zeitung geleitet und Förderprogramme aufgebaut, die jungen Medienunternehmen in Wien und Österreich eine Chance geben. Diese Woche schreibe ich die erste Ausgabe als hauptberufliche Herausgeberin des Wiener Flaneur.

Es wird Zeit.


Seit Jahren und seit der Gründung des “Flâneur” stelle ich mir dieselbe Frage: Was können wir als Medienmacher*innen tun, damit lokale Berichterstattung wirklich zugänglich ist — und wirklich spannend? Nicht trotz der Komplexität dieser Stadt, sondern wegen ihr.

Wenn du diesen Newsletter schon länger liest, hast du meine Experimente wahrscheinlich hier und da gespürt.

Was ich glaube: Es gibt einen anderen Weg, die Geschichten dieser Stadt zu erzählen. Einen, der die Realität nicht schönredet — aber trotzdem einen optimistischeren Blick wagt. Das bedeutet: das Rauschen der Schlagzeile beiseitelegen. Auf Initiativen schauen, die Lösungen versuchen. Nicht weil Kritik nichts bringt, sondern weil die Flut der Negativnachrichten etwas Gefährliches macht: Sie erzeugt das Gefühl der Hilflosigkeit. Und schlimmer noch — der Gleichgültigkeit.

Ich sage lieber: Wir setzen auf Optimismus. Nicht den seichten. Den nüchternen. Den, den auch Dirk Steffens in Hoffnungslos optimistisch meint: ein realistischer Blick auf die Herausforderungen — und dann tun, was möglich ist.


Wien hat unzählige Juwelen. Menschen, die sich für etwas einsetzen. Projekte, besondere Handwerke, Initiativen, die diese Stadt zu einer der lebenswertenswertesten der Welt gemacht haben — mit der gewohnten Prise Unfreundlichkeit, versteht sich. Das mit dem Positiven ginge sonst zu weit. Genau das will ich erzählen.


Heute schreibe ich diese Zeilen auf dem Weg nach Perugia — zum International Journalism Festival. Seit Jahren wollte ich schon einmal hierher, zuhören, wie es anderen Lokalmedien gelingt. Das Festival ist das größte Medienevent Europas, dieses Jahr in seiner 20. Ausgabe, mit knapp 500 Sprechenden und rund 150 Sessions. Ich freue mich auf neue und alte Gesichter — und darauf, für den Flaneur den nächsten nachhaltig heißen Scheiß heimzubringen.


Was du vom Wiener Flaneur erwarten kannst:

Der Newsletter erscheint weiterhin jeden Sonntag. Auf Social Media starte ich eine große experimentelle Phase — das muss sein. Ich freue mich so halb darauf. Die Welt dort hat ihre eigenen Regeln, und ich werde sie vermutlich erst kennenlernen, während ich gegen sie verstoße. Die Printpublikationen werden wieder aufgenommen.

Der Flaneur war nie ein Medium von oben herab — er war immer ein Miteinander. Die Leser*innen sind Gesprächspartner*innen, nicht Publikum. Und zu diesem Miteinander gehört auch, auf Menschen hinzuweisen, die ähnliche Fragen stellen und ähnliche Wege gehen. Den Anfang machen Medienschaffende, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte — und deren Arbeit ich dir wärmstens empfehle.


Inselmilieu

Inselmilieu – unabhängiges Medienprojekt in Wien
Foto: Jana Mack – Inselmileu

 

Immersive Reportagen über Wien. Was Inselmilieu macht, lässt sich schwer in eine Kategorie stecken — und das ist genau das Richtige. Ihre Arbeit zeigt, wie Journalismus in Augmented Reality übersetzt werden kann: Ein Beispiel ist der Artwalk in Favoriten, der den Bezirk auf eine Art erfahrbar macht, die man so noch nicht kannte. Oder diese Reportage über Hippies in der Lobau — sehr schön. Sie arbeiten gerade an etwas, das ich noch nicht spoilern will. Behalte sie im Auge.


Kurious Magazine / sisigrant

sisigrant ist das Projekt von Iris Borovčnik und Andreas Fischer. Mit ihrem Podcast Im Museum haben sie während der Pandemie tausende Menschen im Audioformat durch Ausstellungen geführt. Heute widmen sie sich analogen Wiederentdeckungen: Es gibt einen Kurious Newsletter, den ich sehr gerne lese, und das Magazin als Printprodukt.

Kurious Magazine und sisigrant
Foto: Clemens Schneider

 

Und dann ist da noch Die Sieben Todsünden — ein Hybrid-Projekt, das ich dir ausdrücklich empfehle. Kunsthistoriker Daniel Uchtmann trifft sieben Menschen, deren Leben mit einem der klassischen Laster in Verbindung steht, und stellt jede Begegnung einem Meisterwerk aus dem Kunsthistorischen Museum gegenüber. Das Ergebnis: ein Bildband und eine zehnseitige Audio-Dokumentation mit 3D-Sound und eigens komponierter Musik. Das Konzept ist so einfach wie radikal.

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Business WTF

Iris und Andreas von sisigrant und ich haben auch einen gemeinsamen Podcast. In Business WTF reden wir über das Aufbauen von Medienunternehmen — ehrlich, manchmal naiv, aber immer näher dran an dem, was es wirklich bedeutet, so ein Projekt zum Leben zu erwecken. Für alle, die unsere Arbeit hinter den Kulissen erleben möchten.

Podcast Business WTF

 

Spotify


Jeden Tag eine Einordnung von und mit Andreas Sator

Bekannt durch Erklär mir die Welt, hat Andreas auch einen Newsletter, den ich mehrmals die Woche lese. Täglich ein kurierter Blick auf das Weltgeschehen — aus seiner Perspektive, klar eingeordnet. Sehr empfehlenswert.

Zum Newsletter


DER ACHTE

Elisabeth Huntsdorfer gründete ihre Zeitung für die Josefstadt kurz nach meinem ersten Projekt, dem Ottakringer Flâneur. Wir tauschen uns seitdem aus, wie hyperlokale Medien in Wien funktionieren können. Der Achte zeigt, wie lokale Berichterstattung auf Bezirksebene geht — mit einem Layout, das allein schon einen Blick wert ist. Wer sich im achten Bezirk aufhält: Augen offen halten und eine Printausgabe sichern. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe von Der Achte.

https://www.derachte.at/wp-content/uploads/2026/02/klein_02_26_derAchte.pdf


Zwischenbrücken

Bernhard Odenahl, ehemaliger Falter-Journalist und Leopoldstädter, berichtet aus dem 2. und 20. Bezirk. Lokale Investigativrecherche trifft auf geschichtliche Einblicke in das vergangene Wien. Ein erfrischender Spagat — und ein relativ frisches Projekt, dessen großer Fan ich jetzt schon bin.

Sonja Harter und Bernhard Odehnal im Podcast
Podcast mit Sonja Harter vom Nord.Post und Bernhard Odehnal von Zwischenbrücken.

 

zwischenbruecken.at

Vielleicht entdeckst du mit diesem kleinen Ausschnitt aus der Wiener Indie-Medienwelt ein neues Projekt, das dir Freude bereitet. Was diese Woche noch in Wien los ist, erzähle ich dir jetzt.

Quellen und weiterführende Informationen