Ausgabe #57

Eine Reportage vom 1. Mai in Wien: zwischen Tradition, politischen Forderungen und der Frage, wie zeitgemäß der Tag der Arbeit noch ist.

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Der Maiaufmarsch von Ottakring zum Rathausplatz
  • Warum Menschen den 1. Mai weiterhin politisch begehen
  • Gespräche mit Passant*innen und Leonore Gewessler
  • Arbeitnehmer*innenrechte, Budgetpolitik und Vermögenssteuern

Ob wir mehr Demonstrationen brauchen, wisse er nicht. Erinnern müsse man sich aber. Daran, was früher war. Bevor ich mit einem der zahlreichen Feiertagsbesucher*innen vor dem Prater gesprochen habe, habe ich von Leonore Gewessler erfahren, warum sie mit einem kleinen Stand vorm Flucc am Praterstern Reis verteilt. Aber fangen wir von vorn an.

Ottakringer Delegation am 1. Mai auf dem Weg zum Rathausplatz
Die Delegation Ottakring auf dem Weg zum Rathausplatz. ©Wiener Flâneur

 

7:50 Uhr. 1. Mai. Den Abdruck des Kopfkissens in meinem Gesicht bekomme ich nicht mehr rechtzeitig weg, bevor ich in Ottakring am Schumeierplatz ankomme und gerade noch rechtzeitig vor Abmarsch der Ottakringer SPÖ die Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp erwische. Eine der zwei Blaskapellen spielt „We like to move it, move it“. Warum sie mitgehe, frage ich sie.
„Das ist der internationale Tag der Arbeit. Und ein Tag, wo es ganz, ganz viel darum geht, um die Rechte von ganz vielen Menschen zu kämpfen in den letzten über 100 Jahren. Das ist für mich vollkommen klar, dass ich heute mit dabei bin.“

Stefanie Lamp beim Maiaufmarsch in Wien
Stefanie Lamp, Bezirksvorsteherin Ottakring. ©Wiener Flâneur

 

Während sich die Delegation aus Ottakring zu „Arbeiter von Wien“ entlang der Thaliastraße über den Gürtel zum Rathausplatz bewegt, frage ich mich, ob das noch zeitgemäß ist. Den Achtstundentag haben wir. Urlaub, Versicherung, Überstundenbezahlung und vieles mehr. Wofür sollten wir an einem 1. Mai auf die Straße gehen?
Stefanie Lamp geht für ganz viele Dinge auf die Straße, sagt sie. Für bessere Dienstverhältnisse oder die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. „Es gibt so viele Dinge, für die man kämpfen muss. In der Arbeitswelt und überall. Das heißt, es ist ganz richtig, dass wir heute hier auf die Straße gehen.“

Die gleiche Frage stelle ich knapp zwei Stunden später Mati Randow, der gerade den Rathausplatz betritt. Er trägt die Flagge vor der Delegation aus Alsergrund und ist Vorsitzender der Sektion8.

Mati Randow beim Maiaufmarsch in Wien
Vorsitzender der Sektion8, Mati Randow. ©Wiener Flâneur

 

„Einerseits für die historischen Errungenschaften, die sonst immer auch vergessen werden. Und aber auch dafür, dass es nicht dabei bleibt, sondern es weitergeht, dass weiter Arbeitnehmer*innenrechte erkämpft werden. Ein besseres Leben für alle Menschen“, sagt Randow und schließt sich wieder seiner Delegation an.

Michael Ludwig wird mit der Delegation Floridsdorf empfangen. Andreas Babler marschiert mit dem 7. Bezirk. Sie sind also alle da. Die Tradition wird fortgeführt, feierlich.

Im Laufe des Tages befrage ich immer wieder Menschen, wie sie den 1. Mai begehen. Ein Gespräch ging so:

Besucher des Wiener Maiaufmarschs
©Wiener Flâneur

 

WF: Findest du es immer noch wichtig, dass der Tag auch politisch gefeiert wird?

Passant: Nein, eigentlich nicht. Es war sicher eine wichtige Errungenschaft. Aber prinzipiell: nein. Politisch finde ich es nicht richtig. Dass es politisch instrumentalisiert wird, finde ich nicht richtig.

WF: Wie wird der Tag instrumentalisiert?

Passant: Jeder schreibt sich’s quasi auf die Fahne. Jede Partei und im Großen und Ganzen … ja, ich kann damit nicht viel anfangen. Aber ich kann allgemein mit Politik nichts anfangen. Ich bin politisch relativ uninteressiert.

WF: Eine Frage noch. Mit dem, was du verdienst oder was du jeden Monat aufs Konto bekommst – kommst du damit zurecht, kannst du davon leben?

Passant: Ja, aber auch nur, weil ich keine Kinder habe und allein im Leben bin.

Leonore Gewessler, Andreas Babler und Michael Ludwig am 1. Mai
Von links nach rechts: Leonore Gewessler, Die Grünen. Andreas Babler, Vizebundeskanzler, SPÖ. Michael Ludwig, Bürdermeister der Stadt Wien, SPÖ. ©Wiener Flâneur

 

Tatsächlich wollte ich mir am Freitag anschauen, was die anderen Parteien am 1. Mai veranstalten. Während die ÖVP den 1. Mai den Sozialdemokraten zu überlassen scheint und keine Events auf ihrer Homepage präsentiert, finde ich bei den Grünen eine Umverteilungsaktion vor dem Flucc am Praterstern.

Vor Ort treffe ich direkt Frau Gewessler und frage sie, was da passiert:

„Die Aktion zeigt am ersten Mai, dass es eigentlich um Gerechtigkeit gehen müsste. Und bei der aktuellen Regierungspolitik von ÖVP, SPÖ und NEOS tut es das leider nicht. Und wir symbolisieren das heute: Da hinten sind riesige Mengen Reis. Das symbolisiert das Vermögen des reichsten Österreichers.

Aktion der Grünen am 1. Mai in Wien
©Wiener Flâneur

 

Im Vergleich dazu: Eine Lehrerin verdient drei Reiskörner. … Die Lehrerin muss alles versteuern, aber ein Beitrag der Superreichen fehlt. Der fehlt auch wieder in diesem Budget. Dieses Budget wird am Rücken der Lehrerin, der Frauen, der Familien und der Pensionistinnen konsolidiert. Wir finden das ungerecht und darauf machen wir heute auch aufmerksam, gerade am ersten Mai. Der eigentlich ein Tag der Gerechtigkeit sein soll“, so Gewessler.

Ich muss noch einmal nachhaken und frage: „Frau Gewessler, noch mal für Normalsterbliche: Konsolidierung, Budget – wie kann man sich das genau vorstellen?“

Gewessler: Österreich muss sparen. Aber wie die Bundesregierung das macht, das ist ungerecht. Weil die Lehrerin, die alleinerziehende Mutter, mit dieser Regierungspolitik am Küchentisch sitzt und rechnen muss, wie sie ihr Leben noch finanzieren kann. Aber bei den Porsches dieser Welt knallen die Champagnerkorken. Und das ist ungerecht, und darauf machen wir heute hier auch aufmerksam.

WF: Was kann denn die Regierung machen oder was hätte sie besser machen können?

Gewessler: Die Regierung müsste gerade jetzt unbedingt einen Beitrag der Superreichen einfordern. Wir haben Menschen in diesem Land, ganz wenige, die erben Milliarden und hunderte Millionen. Und die müssen keinen Beitrag dafür zahlen, sondern erben das steuerfrei, einfach so. Und jeder und jede von uns, die arbeiten geht, zahlt aber auf jeden Euro Steuern. Und das ist ungerecht. Da müsste die Regierung endlich handeln für mehr Fairness.

WF: Und warum traut sich da niemand?

Gewessler: Gute Frage. Der Vizekanzler Andi Babler hat das im Wahlkampf hoch versprochen, hat gesagt, das ist eine Koalitionsbedingung. Und jetzt haben sie offenbar in der Regierung nicht darum gekämpft – die Sozialdemokratie. Und auch daran erinnern wir am 1. Mai.

WF: Ist es, weil die ÖVP und die NEOS sowieso nicht dafür sind? Oder warum ist Andreas Babler da allein verantwortlich?

Gewessler: Natürlich muss es am Ende die gesamte Regierung beschließen und verantworten. Aber genau deswegen ist es wichtig, dass man, wenn man in der Regierung ist, Druck macht, kämpft und sich einsetzt für die Anliegen, die einem wichtig sind. Und das tun wir heute hier, genauso wie in den Regierungen und im Parlament.

Politische Aktion am Wiener Rathausplatz
©Wiener Flâneur

 

Über den Tag hinweg habe ich noch mit weiteren Personen gesprochen. Dazu wird es in den kommenden Tagen eine kleine Videoreportage geben. Ganz schön lang, so ein Feiertag.

Bierpartei am Wiener Donaukanal
Zurück in den Westen Wiens bin ich über den Donaukanal flaniert. Dort kam mir sogar noch die Bierpartei vor die Linse. ©Wiener Flâneur

Quellen und weiterführende Informationen