Die Kunst kommt zuerst. Bleiben darf sie selten.

Kulturelle Zwischennutzungen beleben leer stehende Orte in Wien. Doch was bleibt von ihnen und ihren Gemeinschaften, wenn die vereinbarte Nutzung endet?

Ausgabe #67

Kulturelle Zwischennutzungen beleben leer stehende Gebäude und brachliegende Flächen in Wien. Doch was bleibt von diesen Orten und ihren Gemeinschaften, wenn die vereinbarte Nutzung endet?

Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik in Wien-Währing
Haus 4 der Semmelweisklinik. Foto: Peter Gugerell, CC0

 

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Die kulturelle Zwischennutzung in Haus 4 der Semmelweisklinik soll mit Ende 2026 auslaufen.
  • Wild im West zieht als „Wanderoase“ durch Wien, während selbstorganisierte Strukturen in St. Marx nicht mitübersiedelten.
  • Zwischennutzungen schaffen leistbare Räume und Öffentlichkeit, ihr Ende ist jedoch von Anfang an Teil des Modells.
  • Auf dem Otto-Wagner-Areal soll Kultur teilweise dauerhaft abgesichert werden.
  • Offen bleibt, was nach erfolgreichen Provisorien mit den entstandenen Gemeinschaften geschieht.

Klinik unter Palmen

Im Garten vor dem historischen Haus 4 stehen Hängematten und Skulpturen, drinnen gibt es Konzerte, Lesungen und einen Varieté-Abend. Auch für Kinder ist ein Programm vorgesehen. Wer das Areal der früheren Frauenklinik noch nicht kennt, hat damit einen guten Anlass, durch das Tor in der Hockegasse zu gehen und sich diesen ungewöhnlichen Ort anzusehen.

Das Fest „Klinik unter Palmen“ hat in diesem Jahr allerdings einen melancholischen Unterton. Die derzeitige Nutzungsvereinbarung läuft mit Ende 2026 aus. Nach Auskunft der Bundesimmobiliengesellschaft ist eine weitere Verlängerung sehr unwahrscheinlich.

Damit könnte eine Geschichte enden, die 2022 begonnen hat. Damals wurde das ehemalige Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude der Semmelweisklinik für eine kulturelle Zwischennutzung geöffnet. Aus leeren Räumen entstand ein selbstverwaltetes Zentrum mit Ateliers, Werkstätten und Veranstaltungsflächen.

Heute arbeiten dort mehr als 110 Künstler*innen in über 40 Ateliers. Vier Jahre lang wurde organisiert, renoviert, improvisiert und eine Gemeinschaft aufgebaut.

Dauerhaft vorgesehen war diese Nutzung nie.

Die BIG möchte ihre Gebäude auf dem Semmelweisareal langfristig für Bildungszwecke verwenden. Das betrifft ausdrücklich auch Haus 4 samt Nebengebäude und Turnsaal. Welche Einrichtung dort einmal einziehen soll und wann die Sanierung beginnt, ist öffentlich noch nicht konkretisiert.

Für die Menschen, die den Ort derzeit nutzen, macht das nur einen begrenzten Unterschied. Ihr Vertrag läuft aus, während ihre nächste Adresse noch offen ist.

Räume auf Zeit

Die Semmelweisklinik ist kein Einzelfall. Kunst und Kultur finden in Wien häufig dort Platz, wo Gebäude oder Grundstücke gerade auf eine spätere Nutzung warten: in ehemaligen Spitälern, Büros, Fabriken oder auf noch unbebauten Flächen.

Das ist zunächst eine gute Nachricht. Der reguläre Immobilienmarkt bietet kaum leistbare Ateliers und Studios. Laut Kreative Räume Wien suchen zwei Drittel der Interessent*innen Flächen zwischen zehn und 75 Quadratmetern. Mehr als die Hälfte kann höchstens 500 Euro Gesamtmiete im Monat bezahlen.

Zwischennutzungen schließen also eine reale Lücke. Sie geben Kunstschaffenden Raum und bewahren Gebäude vor jahrelangem Leerstand. Gleichzeitig ist ihr Ende von Anfang an Teil des Modells.

Kaum eine Initiative verkörpert dieses Prinzip deutlicher als Wild im West.

Die Wanderoase

Der ehemalige APA-Tower in Heiligenstadt mit künstlerisch gestalteter Fassade
Der alte APA Tower im neuen Gewand © Calle Libre 2026

 

Wild im West bezeichnet sich selbst als „Wanderoase“. Seit mehreren Jahren zieht die Initiative durch Wien und belebt Orte, die später umgebaut oder neu entwickelt werden sollen.

Die erste Station war 2020 das ehemalige Sophienspital. Zwei Jahre später übersiedelte Wild im West auf ein Grundstück an der äußeren Mariahilfer Straße. 2024 folgte Neu Marx. Dort entstanden ein Flohmarkt, Veranstaltungen, Gastronomie und ein Treffpunkt auf Zeit.

Im Frühjahr 2026 zog die Initiative weiter nach Heiligenstadt, in die Nähe des ehemaligen APA-Hochhauses. Auch dort wird wieder ein Gelände bespielt, dessen endgültige Entwicklung noch bevorsteht.

Die Mobilität gehört zum Konzept. Wild im West ist darin geübt, brachliegende Orte schnell zu öffnen und mit Leben zu füllen.

Trotzdem stellt sich eine einfache Frage: Warum muss eine funktionierende kulturelle Infrastruktur bei jeder neuen Station wieder von vorne beginnen?

Was in St. Marx zurückblieb

Wild im West war allerdings nur ein Teil der Geschichte von St. Marx.

Das hochauflösende 3D-Modell dokumentiert den selbst gebauten Skatepark Sankt Marx als materielles Kulturgut und kulturellen Möglichkeitsraum. Die digitale Bewahrung wurde im Rahmen der europäischen Kampagne „Twin it!“ gefördert. Kunstuniversität Linz: Projekt „Twin it! DIY-Skatepark Sankt Marx“. Projektleitung: Alexis Dworsky.

Auf der großen Freifläche entstanden außerdem ein Gemeinschaftsgarten und ein selbst gebauter Skatepark, Sitzgelegenheiten sowie Räume für Sport, Konzerte und andere Veranstaltungen. Die Strukturen waren über Jahre gewachsen und wurden von ihren Nutzer*innen gepflegt.

Sie übersiedelten nicht mit nach Heiligenstadt.

Am 9. April 2026 wurde das Gelände geräumt und eingezäunt. Der Skatepark und andere selbst errichtete Anlagen wurden abgebrochen. Einen gemeinsamen Ersatzort erhielten die Gärten, die Skater*innen und die übrigen Initiativen nicht.

Die Stadt Wien bezeichnete den Eingriff als Vorbereitung der Liegenschaft für künftige Projekte. Organisierte Zwischennutzer*innen hätten Ersatzflächen erhalten. Das Gelände solle vorerst unter anderem als Bau-, Logistik- und Lagerfläche sowie für Veranstaltungen verwendet werden.

Die Initiative St. Marx für Alle beschreibt den Vorgang anders. Aus ihrer Sicht wurden über mehr als zehn Jahre aufgebaute, selbstorganisierte Strukturen zerstört, obwohl noch keine Bauarbeiten für die geplante Halle beginnen konnten.

Begründet wurde die Räumung vor allem mit der Vorbereitung des Grundstücks für die geplante Wien-Holding-Arena. Vorgesehen ist eine Multifunktionshalle für rund 20.000 Menschen.

Nur: Gebaut wird sie bislang nicht.

Auf der offiziellen Projektseite der Stadt wird die Wien-Holding-Arena weiterhin im Stadium der „Grundlagenerhebung“ geführt. Ein konkreter Baustart wird dort nicht genannt.

Inzwischen wird sogar schon über eine andere Zukunft für das Grundstück gesprochen. Die ÖVP Landstraße möchte prüfen lassen, ob auf dem Gelände ein neuer Gesundheitsstandort für die Klinik Landstraße entstehen könnte. Das ist vorerst ein politischer Vorschlag, kein Projekt des Wiener Gesundheitsverbunds. Die Klinik selbst wird derzeit an ihrem bestehenden Standort modernisiert und zeigt an einer Übersiedlung wenig Interesse.

Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Abfolge: Eine über Jahre gewachsene Nutzung wird entfernt, um ein Grundstück für ein Großprojekt freizumachen. Das Großprojekt ist noch nicht gesichert. Kurz darauf wird bereits eine alternative Verwendung vorgeschlagen.

Die Gärten und der Skatepark sind trotzdem weg.

Erst beleben, dann weiterziehen

Zwischennutzungen werden gern als Situation beschrieben, von der alle profitieren. Eigentümer*innen vermeiden Leerstand. Die Stadt gewinnt kulturelle Angebote. Kunstschaffende erhalten vergleichsweise günstige Räume. Nachbarschaften bekommen Orte, an denen etwas geschieht.

Das stimmt – zumindest für eine gewisse Zeit.

Die Nutzer*innen übernehmen dabei jedoch mehr als nur Räume. Sie öffnen abgeschlossene Areale, machen vergessene Gebäude sichtbar und schaffen Gründe, warum Menschen überhaupt dorthin kommen. Aus Leerstand wird ein Ziel. Aus einer Brache wird ein Treffpunkt.

Beginnt die dauerhafte Entwicklung, bleibt dieser Wert am Ort zurück. Diejenigen, die ihn geschaffen haben, müssen häufig weiterziehen.

Die beschriebenen Fälle unterscheiden sich von klassischer Gentrifizierung. Für die Semmelweisklinik ist ein Bildungsstandort vorgesehen, in St. Marx geht es um öffentliche Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung.

Vertraut ist dennoch der Mechanismus: Kunst und Kultur kommen zuerst. Sie schaffen Atmosphäre, Öffentlichkeit und Gemeinschaft. Sobald der Entwicklungsdruck steigt, ändern sich die Prioritäten.

Die Gegenprobe auf der Baumgartner Höhe

Historische Pavillons und Grünflächen des Otto-Wagner-Areals auf der Baumgartner Höhe

 

Auf dem Otto-Wagner-Areal in Penzing lässt sich beobachten, dass es auch anders gehen kann – zumindest teilweise.

Das denkmalgeschützte ehemalige Spitalsareal soll in den kommenden Jahren zu einem Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsstandort werden. Mit der schrittweisen Entwicklung ist die Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH betraut, eine Tochtergesellschaft der Wiener Standortentwicklung.

Während die Pavillons saniert werden, nutzen das Kollektiv Kaorle, WEST und weitere Initiativen einzelne Gebäude temporär. Kaorle arbeitet seit Herbst 2025 im Pavillon 21. WEST hat im ehemaligen Direktionsgebäude 61 Ateliers sowie Ausstellungs- und Veranstaltungsräume eingerichtet.

Auch hier beleben Künstler*innen einen Ort, dessen endgültige Zukunft bereits geplant wird. Doch im Unterschied zur Semmelweisklinik soll Kultur auf dem Otto-Wagner-Areal dauerhaft eine Rolle spielen.

Im Pavillon 18 entsteht das Atelierhaus Wien. Ab Herbst 2027 sollen dort auf rund 3.500 Quadratmetern Ateliers, Werkstätten, Veranstaltungsräume und Wohnungen für internationale Gastkünstler*innen zur Verfügung stehen. Bis zu 100 Kunstschaffende sollen gleichzeitig dort arbeiten können. Betrieben wird das Haus von der Stadt Wien Kunst GmbH; die Räume sollen über öffentliche Ausschreibungen vergeben werden.

Auch die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien soll auf das Areal übersiedeln. Sie wird dort zur zentralen Ankernutzerin und soll voraussichtlich rund 15 der 34 denkmalgeschützten Pavillons übernehmen. Fünf davon sind für studentisches Wohnen vorgesehen. Der vollständige Umzug ist derzeit für 2030/31 geplant.

Zur Entwicklung gehört außerdem Wohnbau. Am östlichen Rand des Geländes bietet die geltende Planung Platz für bis zu 160 Wohnungen. Diese Zahl ist das Ergebnis eines langen Konflikts und eines Mediationsverfahrens; ursprünglich waren deutlich größere Wohnbaupläne vorgesehen. Große Teile der historischen Grünflächen und des Baumbestands sollen erhalten bleiben.

Das Areal ist damit keine einfache Verdrängungsgeschichte. Kunst verschwindet nicht vollständig, wenn die endgültige Entwicklung beginnt. Sie wird teilweise institutionalisiert und dauerhaft abgesichert.

Offen bleibt jedoch, ob auch jene selbstorganisierten Kollektive bleiben können, die die Pavillons heute öffnen und mit Leben füllen. Die Kultur bleibt möglicherweise. Ob dieselben Menschen bleiben, ist eine andere Frage.

Was nach dem Provisorium bleibt

Zwischennutzungen sind keine schlechte Idee. Ohne sie gäbe es die Semmelweisklinik in ihrer heutigen Form vermutlich nicht. Wild im West hätte an mehreren Orten keine Märkte und Begegnungsräume geschaffen. Viele Pavillons auf der Baumgartner Höhe wären während der jahrelangen Planungen verschlossen geblieben.

Die entscheidende Frage stellt sich deshalb nicht am Anfang, sondern am Ende einer erfolgreichen Zwischennutzung:

Was geschieht mit den Gemeinschaften, die dort entstanden sind? Gibt es vergleichbare Ersatzräume? Können Teile der Nutzung dauerhaft bleiben? Und wird die Arbeit derjenigen berücksichtigt, die einen verlassenen Ort wieder sichtbar gemacht haben?

Am 8. Oktober findet ausgerechnet in der Semmelweisklinik die zweite Kultur.Raum.Börse statt. Dort sollen Raumprojekte, Servicestellen und Raumsuchende zusammenfinden. Das Motto der Veranstaltung lautet: Kultur braucht Raum.

Dann bleiben dem Kunst- und Kulturzentrum noch weniger als drei Monate bis zum vereinbarten Ende seiner Nutzung.

Bis dahin kann man hingehen, durch den Garten spazieren, ein Konzert hören und sehen, was innerhalb von vier Jahren aus einem leer stehenden Gebäude geworden ist.

Quellen und weiterführende Informationen