Wiener Märkte: Wie viel Platz bleibt dem Handwerk?

Von Märkten, kleinen Betrieben und der Frage, welchen Platz Handwerk und Vielfalt in Wien bekommen.

Ausgabe #71 · 7. September 2026 · Wien

Von Wiener Märkten, kleinen Betrieben und der Frage, welchen Platz Handwerk und Vielfalt in der Stadt tatsächlich bekommen.

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Warum der Bauernmarkt am Yppenplatz für Alexandra Folwarski zum Wochenritual gehört.
  • Was Karmeliter-, Kutschker- und Naschmarkt über regionale Vielfalt erzählen.
  • Wie leere Gassenlokale und hohe Mieten kleine Werkstätten und Geschäfte unter Druck setzen.
  • Welche Fragen eine geplante Umwidmung für einen größeren Nahversorger aufwirft.
  • Warum Bezirkspolitik darüber mitentscheidet, wie lebendig ein Grätzl bleibt.

Der Bauernmarkt am Yppenplatz begleitet mich schon seit sehr, sehr vielen Jahren. Ich liebe es, am Samstag dort entlangzugehen. Ich habe meine Lieblingsstände: für Fisch, Käse, frisches Brot, hausgemachte Tortellini. Und einen Biobauern, bei dem ich naturtrüben Birnen- und Marillennektar kaufe. Der Christian von der Fleischerei weiß eh schon, was ich brauche und fragt nur: „Wie immer?“ Es ist ein Ritual. Unterwegs trifft man Nachbarn und Bekannte, geht frühstücken. Und ja, es kann passieren, dass man ein bisschen hängen bleibt, bei dem einen oder anderen Spritzer ein paar Stunden im Freien verbringt und Crowdwatching betreibt.

Bauernmarkt am Yppenplatz
Bauernmarkt am Yppenplatz.

Yppenplatz und Brunnenmarkt

Bauernmarkt am Yppenplatz
Yppenplatz, 1160 Wien
Fr und Sa 6–13 Uhr, jeweils werktags.

Brunnenmarkt einschließlich Yppenmarkt
Brunnengasse bis Yppenplatz, 1160 Wien
Verkaufsstände: Mo–Fr 6–21 Uhr, Sa 6–18 Uhr, jeweils werktags.
Gastronomie am Markt: Mo–Sa 6–23 Uhr, So und Feiertage 9–17 Uhr.

Am Freitag fand die Lange Nacht der Wiener Märkte statt. Das habe ich zum Anlass genommen, ein paar Märkte zu besuchen, die sonst nicht zu meinem Wochenritual gehören. Ich bin über den Karmelitermarkt und einen Markt im 18. Bezirk flaniert, habe geschaut, gekostet und mich treiben lassen. Honig, Käse, selbstgemachte Deko: Ein bisschen wirkte das wie ein vorgezogener Weihnachtsmarkt im Spätsommer.

Ein Hoch auf das Handwerk und die Regionalität. Dabei stellte sich mir eine Frage: Wie sehr feiern wir das Handwerk eigentlich über so einen Abend hinaus? Welchen Stellenwert hat es in unserer Stadt, in unserem Alltag? Und wie viel Platz räumen wir ihm ein? Dabei denke ich auch an die kleinen, eigenständigen Geschäfte, die unser Grätzl prägen.

Handwerk und regionale Produkte bei der Langen Nacht der Wiener Märkte
Foto: WF — P. Sturm

Wenn ich durch die Straßen gehe und leer stehende Gassenlokale sehe, frage ich mich, wie das zusammenpasst: Hier wäre Platz. Aber lässt sich mit einer kleinen Keramikwerkstatt oder einem guten alten Schreibwarenladen genug verdienen, um die Miete zu bezahlen? Solche Geschäfte werden, zumindest meinem Eindruck nach, immer seltener. Und mit jedem verschwindet auch ein Stück von dem, was eine Gasse unverwechselbar macht.

Karmelitermarkt

Karmelitermarkt in 1020 Wien
Karmelitermarkt in 1020 Wien.

Verkaufsstände: Mo–Fr 6–21 Uhr, Sa 6–18 Uhr, jeweils werktags.
Marktplätze für Bäuer:innen und mobile Händler:innen: Mo–Fr 6–19.30 Uhr, Sa 6–17 Uhr, jeweils werktags. Besonders groß ist das Bauernmarktangebot freitags und samstags.
Gastronomie: Mo–Sa 6–23 Uhr, So und Feiertage 9–19 Uhr.

Kutschkermarkt

Kutschkermarkt in der Kutschkergasse im 18. Bezirk
Kutschkermarkt in der Kutschkergasse im 18. Bezirk. Foto: WF

Verkaufsstände: Mo–Fr 6–21 Uhr, Sa 6–18 Uhr, jeweils werktags.
Bauernmarkt und mobile Händler:innen: Fr 7–18.30 Uhr, Sa 6–14 Uhr, jeweils werktags.
Gastronomie: Mo–Sa 6–22 Uhr, So und Feiertage 9–17 Uhr.

Die neue Terrasse am Naschmarkt

Die neue Terrasse am Naschmarkt
Trotz vieler Diskussionen um diesen Ort: Die neue Terrasse am Naschmarkt wird gern besucht. Foto: WF

Umwidmung: Platz für wen?

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Stadtplanungsseiten der Stadt Wien. Dort lässt sich nachlesen, für welche Grundstücke eine Umwidmung geplant ist und was damit ermöglicht werden soll. Zum Beispiel an der Adresse An den alten Schanzen 33. Unter der Überschrift „Vorsorge für einen Nahversorger“ kündigt die Stadt an, Platz für ein größeres Lebensmittelgeschäft schaffen zu wollen. Dafür soll der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan geändert werden. Welches Lebensmittelgeschäft dort steht, erfährt man auf der Seite nicht. Ein Blick auf die Adresse zeigt: Es ist ein Spar.

Da bleibe ich gedanklich hängen. Wir feiern die kleinen Produzenten, das Selbstgemachte, die regionale Vielfalt. Gleichzeitig soll hier mehr Platz für ein großes Lebensmittelgeschäft entstehen. Natürlich gehört auch ein Supermarkt zur Nahversorgung. Aber welche Vorsorge treffen wir für die Kleinen? Für diejenigen, die Brot backen, Gemüse anbauen, Keramik herstellen oder einen Laden mit einem ganz eigenen Sortiment führen? Wie viel Raum bekommen sie – und zu welchen Bedingungen?

Dieses eine Vorhaben beantwortet die Frage noch nicht. Aber ich finde, es ist ein guter Anlass, sie zu stellen. Denn wenn wir Handwerk und Vielfalt schätzen, sollte sich das auch darin zeigen, welchen Platz sie im Alltag unserer Stadt haben.

Umso mehr Spaß macht es mir, Orte zu entdecken, an denen diese Vielfalt zusammenkommt. Zur ursprünglichen Veröffentlichung öffnete die Markterei ihre Türen – mit regionalen Produkten, Bio-Qualität und musikalischem Programm.

Eingang zum Innenhof der Markterei
Markterei: Hinter dieser Tür verbirgt sich der schöne Innenhof, der sich ab Freitag in ein kulinarisches Miteinander verwandeln wird. Foto: WF

Auch das Reindorfgassenfest am 11. und 12. September 2026 war eine Gelegenheit, das Geschäftsleben eines Grätzls kennenzulernen: mit Live-Musik, DJ-Sets, Lesungen, Ausstellern, Foodtrucks und Walking Acts. Gut, dass es solche Initiativen und Feste gibt. Mich interessiert aber auch, was die lokale Politik dazu beiträgt, dass kleine Betriebe das ganze Jahr über bestehen können.

Deshalb verfolgen und dokumentieren wir, wie schon in den vergangenen Monaten, die Sitzungen der Bezirksvertretungen. Und fragen nach, welche Überlegungen hinter den Entscheidungen stehen. Wer selbst sehen möchte, was im eigenen Bezirk passiert, findet bei uns die Übersicht zu den Wiener Bezirken.

Zugegeben: So ein Livestream kann ein bisschen zäh sein. Es geht viel um Verkehr, um Baumaßnahmen und um Themen, die zunächst wenig aufregend klingen. Aber wir kennen unsere Gegend, wir kennen unser Grätzl. Sobald über den Platz ums Eck oder die Straße vor der eigenen Haustür diskutiert wird, hört man anders zu. Plötzlich wird greifbar, worum es geht, wer welche Prioritäten setzt und wie eine Entscheidung zustande kommt. Wenn du keine Zeit oder Lust dazu hast: Wir machen das hier für dich.

Quellen und weitere Informationen

Text: Alexandra Folwarski, Herausgeberin des Wiener Flâneur.