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Warum Wespen mehr können, als in unserer Limonade zu ertrinken

Sie umkreisen den Kuchen, landen im Saft und machen jeden Spätsommerabend ein wenig anstrengender. Wespen haben ein miserables Image. Dabei übernehmen sie in der Natur erstaunlich wichtige Aufgaben. Und meistens lassen sich die Konflikte am Esstisch friedlich lösen.

Im Spätsommer wurlt es wieder in Wien. Die Stadt kehrt langsam aus der Sommerpause zurück, die Temperaturen lassen das Gehirn wieder halbwegs normal arbeiten – und kaum sitzt man mit einem Getränk im Freien, wurlt es auch um das Glas.

Wespen interessieren sich plötzlich auffallend stark für Limonade, Obstkuchen und das Grillbuffet. Sie fliegen über den Tisch, krabbeln über den Tellerrand und schaffen es mit bemerkenswerter Verlässlichkeit, in offenen Getränken zu landen.

Der erste Gedanke liegt nahe: Wozu sind diese Tiere eigentlich gut?

Die kurze Antwort: für erstaunlich vieles.

1. Wespen halten andere Insekten in Schach

Während sich erwachsene Wespen hauptsächlich von Nektar, Pflanzensäften und anderen zuckerreichen Nahrungsquellen ernähren, braucht ihre Brut Eiweiß. Deshalb jagen Arbeiterinnen Fliegen, Mücken, Raupen, Larven, Spinnen und andere kleine Tiere.

Ein großes Wespenvolk kann laut der Wiener Umweltberatung täglich bis zu 5.000 solcher Beutetiere erlegen. Was uns am Esstisch lästig erscheint, wirkt im Ökosystem also wie eine natürliche Schädlingskontrolle.

Wespen tragen damit dazu bei, die Populationen anderer Insekten zu regulieren. Sie beseitigen zwar nicht gezielt jene Arten, die wir Menschen als Schädlinge bezeichnen. Aber sie sorgen gemeinsam mit Vögeln, Spinnen und anderen Jägern dafür, dass einzelne Arten nicht ungebremst überhandnehmen.

2. Wespen bestäuben Pflanzen

Wespen sind keine so spezialisierten Pollensammlerinnen wie Honig- oder Wildbienen. Trotzdem besuchen sie Blüten, wenn sie nach Nektar suchen. Dabei bleibt Pollen an ihren Körpern hängen und wird zur nächsten Blüte transportiert.

Sie sind damit Teil eines vielfältigen Netzwerks aus Insekten, das Pflanzen bei der Fortpflanzung hilft. Gerade diese Vielfalt ist wichtig: Fällt eine Bestäuberart aus, können andere zumindest einen Teil ihrer Aufgabe übernehmen.

Wespen stehen in der öffentlichen Wahrnehmung meist im Schatten der Bienen. Ökologisch betrachtet gehören aber auch sie zur Bestäubungsarbeit dazu.

3. Wespen sind selbst Nahrung

So wehrhaft Wespen wirken, auch sie haben natürliche Feinde. Spinnen, Libellen, Hornissen und Gottesanbeterinnen erbeuten einzelne Tiere. Ameisen können sich über Nester und Brut hermachen. Verschiedene Parasiten und Wachsmotten nutzen Wespennester ebenfalls als Lebensraum und Nahrungsquelle.

Der prominenteste Wespenjäger ist allerdings ein Vogel: der Wespenbussard.

Trotz seines Namens ist er mit dem Mäusebussard nicht besonders eng verwandt. Der Greifvogel hat sich auf Wespen und ihre Brut spezialisiert. Er beobachtet die Flugwege erwachsener Tiere, findet so ihre Nester und gräbt Erdnester mit seinen Füßen aus.

Sein dichtes Gefieder und kleine Hornplättchen an den Füßen schützen ihn vor Stichen. Besonders für seine Jungvögel holt er Larven und Puppen aus den Nestern. Wespen sind damit nicht nur Jägerinnen, sondern selbst ein wichtiger Bestandteil der Nahrungskette.

Beim Kaffeehausbesuch wird er uns trotzdem kaum helfen: Der Wespenbussard ist kein typischer Stadtvogel, sondern bevorzugt abwechslungsreiche Landschaften mit Wäldern, Lichtungen und offenen Flächen.

Warum Wespen gerade im Spätsommer so aufdringlich werden

Ein Wespenstaat existiert nur eine Saison. Im Frühjahr beginnt eine Königin mit dem Nestbau. Im Laufe des Sommers wächst das Volk auf mehrere Tausend Tiere an.

Gegen Ende des Sommers verändert sich die Situation. Die Brut wird weniger, die Arbeiterinnen haben weniger Aufgaben im Nest und suchen verstärkt nach leicht verfügbaren, zuckerreichen Nahrungsquellen. Reifes Obst, Kuchen, Eis und Limonade kommen da gerade recht.

Es sind außerdem nur wenige Wespenarten, die regelmäßig an unseren Tischen auftauchen. Vor allem die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe haben eine Vorliebe für unsere Speisen entwickelt. Die meisten anderen Arten interessieren sich kaum für das, was wir essen.

Nach dem ersten Frost stirbt der Wespenstaat ab. Nur die jungen, begatteten Königinnen überwintern an einem geschützten Ort. Verlassene Nester werden im nächsten Jahr nicht erneut besiedelt.

So hält man Wespen friedlich vom Tisch fern

Das verlässlichste Mittel ist denkbar unspektakulär: nichts offen herumstehen lassen, das Wespen anzieht.

Speisen und Getränke sollten im Freien möglichst abgedeckt werden. Bei Flaschen und Dosen empfiehlt es sich, vor jedem Schluck zu kontrollieren, ob sich ein Tier hineingeschlichen hat. Für Kinder sind Strohhalme sinnvoll. Essensreste, leere Gläser und Fallobst sollten rasch weggeräumt werden. Nach dem Essen hilft es, Kindern Mund und Hände abzuwischen.

Auch Mistkübel und Kompost sollten geschlossen bleiben.

Eine Ablenkfütterung kann ebenfalls funktionieren: Etwas reifes Obst wird mehrere Meter entfernt vom Esstisch platziert. Wichtig ist die Entfernung. Steht die Schale unmittelbar neben dem Tisch, lädt sie nur zusätzliche Wespen ein.

Der Trick mit der Sprühflasche

Einige Naturschutzorganisationen empfehlen eine Sprühflasche mit sauberem Wasser. Ein paar feine Sprühstöße können bei der Wespe den Eindruck erwecken, dass es zu regnen beginnt. Häufig zieht sie sich daraufhin in Richtung Nest zurück.

Dabei geht es um einen leichten Wassernebel. Das Tier sollte keinesfalls durchnässt werden, sodass es nicht mehr fliegen kann.

Helfen bestimmte Gerüche?

Zitronenhälften mit Gewürznelken werden unter anderem von der Wiener Umweltberatung als natürliches Abwehrmittel empfohlen. Auch Rauch beziehungsweise Räucherstäbchen können Wespen vorübergehend vom Tisch fernhalten.

Ein verlässlicher Schutz sind solche Hausmittel allerdings nicht. Fachleute weisen darauf hin, dass die Wirkung von Düften stark schwankt. Ein bestehendes Nest lässt sich damit keinesfalls vertreiben.

Kaffeepulver anzuzünden ist wegen der Rauchentwicklung und Brandgefahr ebenfalls keine besonders gute Idee. Wer es versuchen möchte, bleibt besser bei Zitrone und Nelken – und betrachtet das Ergebnis als Experiment, nicht als Garantie.

Auch Kleidung kann Wespen neugierig machen

Nicht nur der Duft von Speisen, Parfüm oder Hautcremes kann Wespen anlocken. Auch bunte, insbesondere geblümte Kleidung hat für sie ihren Reiz. In Experimenten reagieren Gemeine Wespen unter anderem auf Blau und Gelb – eine generelle Vorliebe für eine der beiden Farben ließ sich allerdings nicht feststellen. Wer möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen möchte, verzichtet am Esstisch daher besser auf intensive Düfte und besonders auffällige Blumenmuster.

Was man auf keinen Fall tun sollte

Wenn eine Wespe auftaucht, ist der verständliche Reflex oft der falsche: mit den Armen fuchteln, nach ihr schlagen oder sie wegpusten.

Hektische Bewegungen können als Bedrohung wahrgenommen werden. Noch problematischer ist das Anpusten. Das Kohlendioxid in unserer Atemluft gilt für Wespen als Alarmsignal und kann sie erst recht in Verteidigungsbereitschaft versetzen.

Setzt sich eine Wespe auf die Haut, sollte man sie langsam abstreifen oder vorsichtig abschütteln.

Auch Wespenfallen sind keine gute Lösung. Die Tiere werden darin mit süßen Flüssigkeiten angelockt und ertrinken. Gleichzeitig sterben in solchen Fallen häufig andere nützliche Insekten wie Honigbienen, Schmetterlinge und Ohrwürmer. Am Tisch schaffen die Fallen oft nicht einmal Abhilfe, weil ihr Geruch weitere Insekten anzieht.

Von chemischen Wespensprays ist ebenfalls abzuraten. Sie können Menschen, Haustiere und andere Insekten gefährden.

Besondere Vorsicht ist in der Nähe eines Nestes geboten. Die Flugbahn sollte frei bleiben; Erschütterungen und schnelle Bewegungen am Nest können Abwehrreaktionen auslösen. Liegt ein Nest an einer wirklich problematischen Stelle, sollte man sich beraten lassen und es nicht eigenmächtig entfernen.

Lästig – aber keineswegs nutzlos

Wespen sind Schädlingsjägerinnen, gelegentliche Bestäuberinnen und selbst Teil des Speiseplans anderer Tiere. Sie übernehmen Aufgaben, die im Ökosystem gebraucht werden – auch wenn sie sich ihre Anerkennung durch das Bad in unserer Limonade regelmäßig wieder verspielen.

Wir müssen Wespen deshalb nicht lieben. Aber meistens reicht es, ruhig zu bleiben, das Essen abzudecken und ihnen nicht ins Gesicht zu pusten.

Dann kommen Menschen und Wespen vielleicht doch gemeinsam durch die letzten lauen Abende des Sommers.

Quellen und weiterführende Informationen